Wirkung

Menschen, die Haustiere besitzen, wissen, welche Bereicherung Tiere für unseren Alltag und unser Erleben sind – und das trotz aller Verantwortung und Pflichten, die uns durch sie auferlegt werden. Es ist dabei ganz egal, ob es sich um den eigenen Hund, das eigene Kätzchen, das Pferd im Reitstall, den Sittich oder den Gecko handelt – sie alle gestalten unser Leben bunter und fröhlicher. In der psychologischen Beratung sind Tiere in vielseitiger Weise einsetzbar, doch auch im Büro ist ihre positive Wirkung zu beobachten.


Besonders im Beratungskontext ist hervorzuheben, dass Tiere oftmals die einzigen sind, die so manches Defizit von KlientInnen liebevoll ausgleichen können. In einer Geschwindigkeit, die sonst etliche Sitzungen in Anspruch nehmen würde. Vor allem dann, wenn es sich z. B. um Bindungsdefizite handelt. So liegt es etwa in der Natur von Kindern, durch Verhalten und Emotionen Nähe zu stärker und klüger empfundenen Personen – in der Regel zuallererst den Eltern – aufzubauen. Oft entstehen gerade in diesen Phasen Defizite. Für die Tiergestützte psychologische Beratung ist es daher wichtig zu wissen, dass die Zeichen einer echten Bindung gleichsam auch zwischen Mensch und Hund entstehen können. In der bewussten Arbeit mit Tieren ist herauszustreichen, dass auch unseren tierischen Co-Beratern Abwechslung und Auszeiten geboten werden müssen. Auf die Bedürfnisse von Tieren, mit denen in der Praxis gearbeitet wird, sollte ganz besonders geachtet werden: Spiel, Spaß, Ausgleich und Bewegung dürfen für sie keinesfalls zu kurz kommen. Das Tier wird als vollwertigen Partner in der Beratung betrachtet.


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Handbuch mit Praxisbeispielen typischer Sequenzen einschließlich fachlicher Erläuterung in der tiergestützten psychologischen Beratung für Schüler und Schülerinnen der Fortbildung „Tiergestützte psychologische Beratung“ am Institut für ganzheitliches Erleben (IFGE) in Wien



In der Beratung

Die Anfänge in der psychologischen Beratung und Therapie

Vieles, was wir heute über die psychologischen Effekte der Tiere auf uns wissen, geht auf den Kinderpsychologen Boris Levinson zurück, der schon in den 1960er-Jahren den Begriff „Pet Therapy“ prägte. Er bemerkte, wie Kinder nicht nur schneller Vertrauen fassten, sondern auch zugänglicher waren, wenn sein Hund mit in der Praxis war und sich die Kinder mit ihm beschäftigen konnten.

Es ist schier unmöglich, hier alle Formen der tiergestützten Arbeit aufzuzählen, geschweige denn, diese ausführlich zu erklären. Zentrales Thema der tiergestützten Arbeit ist die Instinkttheorie, nach der gewisse Instinktbewegungen in unserem Erbgut verankert sind, die durch Schlüsselreize ausgelöst werden können. Den Effekt von Tieren als Auslöser auf den Menschen macht man sich hier in vielen Bereichen zunutze. Nicht nur Streicheltiere zeigen Erfolg. So werden etwa Schnecken ganz bewusst in der psychologischen Arbeit eingesetzt, indem TherapeutInnen oder BeraterInnen deren Langsamkeit und die dadurch entstehenden, intensiven Beobachtungen der PatientInnen oder KlientInnen in den Prozess miteinbeziehen. In die Arbeit mit autistischen oder motorisch stark eingeschränkten Menschen werden gerne Pferde miteinbezogen. Bunte Fische in Aquarien dienen oft der Beruhigung im Warteraum von Zahnarztpraxen. Selbst Spinnen werden eingesetzt, um Phobien zu behandeln.

Verbindung zu eigenen Gefühlen finden

In der psychologischen Beratung treffen wir aber vorranging auf Hunde und Katzen bzw. im ländlichen Bereich auch auf Pferde und Schafe. Kätzchen sind in allererster Linie niedlich anzusehen. Eine dösende, dabei genussvoll schnurrende Katze zu streicheln, hat etwas unglaublich Beruhigendes. Alleine die Vorstellung einer schlafenden Katze hilft bei Schlafschwierigkeiten. Viele KlientInnen kommen dadurch in eine ruhige Kraft, in der sie von ihren BeraterInnen sanft abgeholt werden können. Die eigenwillige Persönlichkeit vieler Katzen kann im Beratungsprozess von BeraterInnen insofern eingesetzt werden, als dass KlientInnen dadurch ein Gespür von Nähe und Distanz visualisieren und begreifen können, dass ein großer Freiheitsdrang nicht automatisch heißt, keine Beziehungen eingehen zu können. Die Wärme der Tiere lässt viele KlientInnen in Verbindung zu ihren eigenen Gefühlen treten und bringt so diese erst ans Licht.

Katzen in Interaktion

Gleichzeitig können insbesondere Katzen ausnehmend witzig sein. Zwei Katzen in Interaktion, ihr drolliges Herumhüpfen oder ihre unvorhergesehen witzigen Einfälle unterbrechen in der Beratung oft das vorgefertigte Erzählkonzept des Klienten oder der Klientin. Die spontanen Einfälle von Katzen, aber auch Hunden führen so zu für KlientInnen unplanbare Unterbrechungen. So lernen Klientin oder Klient einerseits, flexibel zu reagieren, gleichzeitig werden sie auf charmante Art und Weise dazu ermutigt, ihre unterbrochene Erzählung von Neuem zu beginnen. Diese neue Erzählform ist durch die Unterbrechung different zur vorherigen Art des Erzählens. Neue Gesprächsmuster ergeben sich und andere Bilder entstehen bei den KlientInnen. Durch das Verändern des Erzählmusters wird seitens der KlientInnen die Kontrolle ein Stück weit aufgegeben, dadurch kommen sie – genauso wie ihre BeraterInnen – raus aus der Absicht. Es entsteht bei KlientInnen ein neues Gefühl, welches sie oft als „freier“ oder „glücklicher“ beschreiben. Neben ihrer beruhigenden Wirkung und den erwünschten Unterbrechungen sowie den Momenten des Lachens und Schmunzeln können Katzen durch ihre spezifische Art beim Klienten oder bei der Klientin Unabhängigkeitssehnsüchte freilegen bzw. den Wunsch nach Eigensinn, Flexibilität, oder aber auch Sinnlichkeit zum Vorschein bringen.

Positive Wirkung auf Genesung

Ähnliches gilt bis zu einem gewissen Grad natürlich auch für Hunde in der Beratung, wobei diese wiederum andere Bedürfnisse in uns Menschen aufleben lassen. Auch sie regen uns zum Lachen an und sorgen für heitere Unterbrechungen, fördern durch ihren Spieltrieb aber auch die Sicht des Klienten oder der Klientin auf ein vielleicht vorhandenes Bedürfnis, dem inneren Kind wieder mehr Raum zu geben. Aufgrund ihres oft ausgeglichenen, Nähe suchenden und drolligen Wesens werden Hunde gerne in der Begleitung von dementen Menschen oder in Rehakliniken eingesetzt. Studien zeigen, dass sich die Anwesenheit von Hunden positiv auf die Genesung von Kranken auswirken kann und das für unsere Zufriedenheit so wichtige Bindungshormon Oxytocin durch Streicheln eines Hundes oder auch einer Katze ausgeschüttet wird.

Tiere bewusst einsetzen

Bei all der großartigen, emotionalen und seelischen Arbeit, die Tiere im Beratungsprozess leisten, darf keinesfalls vergessen werden, dass es immer am Berater oder an der Beraterin selbst liegt, die Tiere und ihre Aktionen bewusst einzusetzen. Es liegt an den fähigen BeraterInnen, die durch die Tiere entstehenden Projektionen und Übertragungen fachlich korrekt einzusetzen – auch deshalb ist die fundierte psychologische Praxis ein überaus wichtiges Kriterium, um vom Berufsverband TGPB als Mitglied aufgenommen zu werden.

Tiere in der Arbeit

Neben dem bewussten Einsatz von Tieren in der psychologischen Praxis erlauben auch immer mehr Chefs oder Chefinnen das Mitnehmen des eigenen Hundes ins Büro. Dies ist einerseits ein freundliches Entgegenkommen, andererseits jedoch der bewusste Einsatz von bestimmten Vorteilen. Denn bereits 2012 konnte nachgewiesen werden, dass Hunde im Büro das Stresslevel von MitarbeiterInnen deutlich senken. Randolph Barker von der Virginia Commonwealth University veröffentlichte eine Studie, nach der Menschen, die ihren Hund mit zur Arbeit bringen dürfen, nicht nur ein geringeres Stresslevel aufweisen, sondern sich gleichzeitig produktiver fühlen. Hunde vermitteln ihren BesitzerInnen auch ein gewisses Maß an Sicherheit. In der Arbeit gibt es aber noch weitere Wirkungen von Hunden auf die Belegschaft zu beobachten.

Vorteile für MitarbeiterInnen und ChefInnen

So gelten Hunde als soziale Katalysatoren und lassen ihre BesitzerInnen nachweislich sympathischer wirken. Dies ist ein wichtiger Faktor bei der Begegnung zwischen Generationen und kann somit auch für die Auflockerung eines sich verhärtenden Gesprächs zwischen MitarbeiterInnen sorgen. Gleichzeitig fördern Hunde unsere Kommunikationsfähigkeit und unsere Sensibilität – zwei Eigenschaften, die im konstruktiven Miteinander eines Firmenkonstrukts unerlässlich sind. Ein besonderer Vorteil für Chefs oder Chefinnen, die das Mitbringen von Hunden zur Arbeit erlauben, ist vor allem, dass sich seine/ihre MitarbeiterInnen nicht im Dienst-nach-Vorschrift-Modus befinden. Viele Menschen, die ihren Hund zu Hause wissen, warten nur darauf, dass sie endlich ihre Arbeitsstunden auf die Minute genau hinter sich gebracht haben, um ihren Hund vom Alleinsein zu erlösen. Wer seinen Hund bei sich weiß, ist somit nicht mit seinen inneren Vorwürfen diesem Hund gegenüber beschäftigt und kann sich produktiver auf die Arbeit konzentrieren. Es wird ihn auch nicht stören, eine halbe Stunde länger im Büro zu bleiben, weil er weiß, dass sein Haustier gut versorgt ist.

Tiere zu Hause

Sowohl Hunde, Katzen und beinahe alle anderen Haustiere benötigen Aufmerksamkeit und Zeit. Haustiere fördern unsere Verantwortung und gerade für Kinder ist das Versorgen eines eigenen Tieres oft eine gute Möglichkeit, Eigenverantwortung zu lernen. Auch wenn ein Haustier bedeutet, dass wir in unserer Flexibilität eingeschränkt sind, öfter putzen, Geld für den Tierarzt parat haben und uns irgendwann mit einem traurigen Abschied befassen müssen, so sind diese Einsätze vergleichsweise gering für die nachweislich wunderbaren Einflüsse, die Haustiere auf uns haben.

Hunde verfügen beispielsweise über Präventionsfähigkeiten bei Herzkrankheiten und wirken sich günstig auf den Genesungsprozess nach einem Herzinfarkt aus. Durch die täglichen Spaziergänge sind wir fitter und bauen uns ein starkes Immunsystem auf. Hunde fördern außerdem nicht nur die Normalisierung von Blutdruck und Pulsfrequenzen, sondern auch unsere Feinmotorik. Sie verbessern unsere Grundstimmung, fördern unseren ureigenen Spieltrieb, bringen uns zum Lachen, strukturieren den Tag und steigern durch die von ihnen benötigte Fürsorge unseren Selbstwert. Ganz abgesehen davon, dass sie wunderbare Zuhörer sind und Hundebesitzer nachweislich bessere Ehen führen. Katzenbesitzer dagegen lernen durch den ausgeprägten Individualismus ihrer Stubentiger recht bald eine im Leben besonders wichtige Eigenschaft: Toleranz. Die Flexibilität und Wandelbarkeit von Katzen erinnern dabei häufig an unsere eigenen Wünsche nach Freiheit und Unabhängigkeit. Katzen spiegeln also unsere Bedürfnisse und machen sie dadurch für uns sichtbar.